Künstler sind Spurenleger. Wer in seinem Leben auf intensive
Weise Wesentliches erfahren hat und über exzellente künstlerische
Möglichkeiten verfügt, dem wird jede Werkspur zugleich
eine LEBENSSPUR sein. Kunstwerke sind geradezu durchdrungen von
Lebenszeichen und Relikten momentaner Befindlichkeiten. Zuweilen
liegen sie offen als Reliquien, oft aber bedarf es empfindsamer
Einfühlung, um die geheimnisvoll verschlüsselten Codes
zu dechiffrieren. Solcher Art sind die Arbeiten von Eva Bruszis.
Besonders in ihren letzten Schaffensjahren entsinnt sie sich
solcher aussageträchtigen Relikte aus ihren früheren
Grafiken und hebt sie wie Kleinodien fragmentarisch in ihren
neuen Arbeiten auf. Damit beginnt sie ein Tagebuch zwiefacher
Art, indem sie einst subjektiv Aktuelles aus dem Vergessen holt,
es auf seine anhaltende Gültigkeit überprüft und
dann in neuer Fassung weiterführt.
Sie betreibt diese Lebensschau gar als Programm. Feinnervig
registriert sie nun jede Schwingung ihres mehrfach gebrochenen
Lebens bewusster und sie begreift es als äußerst gefährdete
Spanne zwischen Geburt und Tod - zwischen Alpha und Omega - und
erlebt es nunmehr als eine unkalkulierbare Folge von Verwundung
und Verwunderung. Da ist nichts mehr selbstverständlich.
Die Spuren von Siegen und Niederlagen, Hoffnungen und Ängsten,
Erfahrungen und Bedrohungen gravieren tief und jede Erregung
mutiert ihr dabei zu Poesie. So geraten ihr ihre Arbeiten immer mehr sowohl zu Sinnesinseln
als auch zu Seelenporträts, denen sie ihre Gedanken mittels
kalligrafisch verfremdeter Schriftzeichen hinzufügt. Auf
diese Weise entstehen grafische Kosmen und reizvolle hochsensible
bildnerische Metamorphosen mit schier unergründlichen Botschaften.
Für sie haben sie wohl auch die Bedeutung von Wegzeichen
im Lebenswirrwarr, dem Betrachter aber scheinen sie wie künstlerische
Solitäre in faszinierenden Fassungen.
Dr. Maren Kroneck |