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Gerhard Altenbourg
 

1945 gehörte er zur geschlagenen und arg dezimierten Generation. Alle Spiegel waren zertrümmert. Desillusioniert misstraute er aller Kunstkonvention, die das Inferno nicht hatte verhindern können, und ohnhäutig und der Kunst in Wort und Bild verfallen, fand er beim Bürgerschreck Dada und beim Erzpoeten Klee Trost und Genugtuung. Hier konnte er sich künstlerisch ausleben: seine Übersensibilität, den Hang zu subtiler Poesie, zu Lust, Trauer und Entsetzen und damit seine Affinität für eine ironische, gar groteske Sicht auf die Dinge. Wes Sinn und Sinne gewetzt sind, dem steht eben der Griffel nicht stille. So saß er in seiner Altenburger Werkstatt, einem in Jahrzehnten entstandenen Gesamtkunstwerk, und sandte Zeichen aus. Ein Seher, der seine Reflexe auf Welt betroffen in Tafeln ritzte. Freilich, was letzten Endes in die Linie kam, war nur noch kleiner Restimpuls seiner zuweilen ungeheuren Welt- und Selbsterfahrungen. Und wie ein "erster Mensch" lauschte er in sich hinein und reagierte er mit seismographischer Registratur auf die tiefen Echos. Da wandelten sich psychische Energien in Bewegung und Zeichnung, die Erfahrung sinnlich und sinnfällig in Linie und Form überführten. Er ließ sich per Stift lenken von momentanen Ereignissen, und geradezu wollüstig folgte er dem Formtrieb, ganz beherrscht vom "Gesetz des Reizes". Und dieses Spiel betrieb er mit detektivischer Entlarvungslust - sich selbst und der Welt gegenüber. Druckstock oder Blattgeviert wurden dabei zu dramatischem Terrain für Linien und Punkte, Krakel und Strichel, die sich zu Landschaften oder Figuren verdichteten, und es konnte dann passieren, dass zwischen zwei Figuren ein Raum stand wie ein stiller Schrei, der als Schmerz gelesen werden kann oder als Lust.
Herkömmliche Ästhetik, akademische Perfektion und bekannte Muster sucht man bei ihm vergebens. Stattdes das Abenteuer Linie pur und in freier, eigenwilliger Entfaltung.

Prof.Dr. Edwin Kratschmer

Biographie
umweht, umweht: bodenlos < Lithographie < 1984
 
1926 als Gerhard Ströch in Rödichen-Schnepfenthal geboren
1944-45 Soldat im II.Weltkrieg, Verwundung
1945-48 journalistische und schriftstellerische Tätigkeit
1946-48 Zeichenunterricht bei Erich Dietz in Altenburg
1948-50 Kunststudium an der Hochschule Weimar
Lehrer: Hans Hoffmann-Lederer
1961 Gastatelier an der Kunstakademie in Westberlin
1962-89 Atelier in Altenburg
1966/68 Burda- und Grohmann-Preise
seit 1970 Mitglied der Akademien Westberlin und Nürnberg
seit 1974 schwere Augenerkrankung
1977 Fellow of Cambridge
1989 Tod durch Autounfall

Ausstellungen u.a. in Basel, Bordeaux, Bradford, Cambridge, Fribourg, Genf, Kioto, Los Angeles, Lyon, Mailand, Marseille, Paris, Prag, Rom, Tokio, Utrecht, Wien und Zürich

Werke in öffentlichen Sammlungen u.a. in Basel, Cambridge, Cleveland, Kioto, New York, Tokio, Warschau und Wien

Auch ein Turnstündchen...< Lithografie < 1971
 

 

Nicht doch, Meerlinchen < Farbholzschnitt < 1969